Das ist der Satz, der mir als Erstes kommt, wenn das Wort Barrierefreiheit fällt. Die meisten hören da Verzicht: graue Kästen, abgeschaltete Schönheit, eine Pflicht, die einem das eigene Design kaputt macht. Bei mir war es umgekehrt - es reizte mich.
Für mich gehört zu guter Technik immer dazu, dass jeder sie bedienen kann, nicht nur ein Bruchteil, sondern alle. Ich kann nicht für mein Gegenüber denken, ich kann nicht steuern, wie jemand meine Seite wahrnimmt oder ob die vielen visuellen Effekte für ihn überhaupt funktionieren, also lasse ich ihm die Wahl. Genau da liegt für mich der Unterschied zwischen Mittelklasse & Exzellenz, nämlich nicht in den schönen Effekten an sich, sondern in der Frage, ob am Ende wirklich jeder hereinkommt. Es gibt Kund:innen, die mich genau deswegen buchen, und ich finde es schlicht nicht mehr zeitgemäß, einen Teil der Menschen draußen stehen zu lassen, nur weil eine Animation hübsch aussieht.
Auf meiner Startseite liegt ein Aurora-Effekt, bei dem sich die Überschrift mit dem leuchtenden Hintergrund verrechnet. Das sieht wunderschön aus, und ich wollte es lange unbedingt genau so für alle haben. Nur ist dieser Effekt für Menschen, die schlecht sehen, eine echte Katastrophe, die Schrift flirrt, der Kontrast kippt, das Lesen wird zur Anstrengung. Ich habe wirklich lange daran gesessen, bis ich verstanden hatte, dass ich gar nicht zwischen schön und lesbar wählen muss, sondern beides nebeneinanderstellen kann.
Heute schaltet jeder die Effekte mit einem Schalter ab, Zauberwelt an oder aus, und dahinter steckt kein Notbehelf, sondern eine eigene ruhige Variante, die mir selbst richtig gut gefällt. Und niemand muss dafür erst auf der flirrenden Startseite landen und dann nach dem Schalter suchen: Wer im eigenen System oder Browser ohnehin hinterlegt hat, dass Bewegung & Effekte reduziert werden sollen, bekommt die ruhige Variante automatisch, die Seite liest das schon vorher aus und richtet sich von selbst danach. Da ist viel Ruhe drin, klar getrennte Bereiche, große & gut lesbare Schrift, nichts blendet, und man weiß jederzeit, wo man gerade ist. Eine Schrift wie Inter sieht großartig aus und liest sich trotzdem mühelos, das eine schließt das andere nicht aus.
Ich habe das Ganze noch in einem kurzen Video festgehalten, damit man sieht, wovon ich rede:
Was ich dabei gelernt habe, ist eine Kleinigkeit mit großer Wirkung: Farben, die super barrierefrei aussehen, sind es oft nicht, und Farben, denen man es nie zutrauen würde, funktionieren am Ende einwandfrei. Das liegt so dicht beieinander, dass man es mit dem Auge nicht entscheiden kann, man muss es durchtesten oder man weiß es irgendwann einfach. Bei mir ist es inzwischen das Zweite.
Unter der Oberfläche steckt dieselbe Haltung. Die Seite ist von Hand gebaut, das Menü ist auch technisch als Menü ausgezeichnet, die Schaltflächen tragen Beschriftungen, die ein Screenreader vorlesen kann, ganz oben gibt es einen Sprunglink direkt zur Navigation, und vergrößern lässt sich alles. Das sind keine großen Gesten, es ist einfach sauber gemacht.
Und für wen das Ganze? Für sehr viel mehr Menschen, als die meisten vermuten. Für blinde & sehbehinderte Menschen, für gehörlose & schwerhörige, für Menschen mit motorischen Einschränkungen, die keine Maus bedienen können, für Menschen mit kognitiven oder neurologischen Themen, von Legasthenie über ADHS bis zum altersbedingten Nachlassen. Für den gebrochenen Arm, die laute U-Bahn ohne Untertitel, das grelle Sonnenlicht auf dem Display. Und, das wird gern vergessen, auch für Menschen, die mit Technik wenig anfangen können und lieber im Laden vor Ort kaufen als online. Laut Statista leben in Deutschland rund 84 Millionen Menschen, mindestens 13 Millionen davon mit einer Beeinträchtigung oder Behinderung, und vermutlich sind es mehr, weil längst nicht jede erfasst wird. Eine Faustregel aus der Praxis bringt es gut auf den Punkt: Barrierefreiheit ist für alle hilfreich, für etwa ein Drittel notwendig und für rund ein Zehntel unverzichtbar. Eine vorübergehende Einschränkung erwischt ohnehin früher oder später jeden von uns.
Was mich wirklich stört, ist, dass viele Barrierefreiheit gar nicht erst einkalkulieren, weil sie glauben, die Kund:innen wollten das nicht bezahlen. Meistens liegt es aber daran, dass sie den Nutzen selbst nicht sehen und ihn deshalb nicht verkaufen können, sie sehen nur den Aufwand, der ihnen lästig ist. Dabei ist die größere Zielgruppe das stärkste Argument überhaupt, denn wer barrierefrei baut, vergrößert seinen Kreis, statt ihn kleiner zu machen. Das ist nicht immer leicht zu vermitteln, aber es geht, ich mache es ständig.
Für das Unternehmen, das so eine Seite anbietet, steckt darin ein ganz handfester Mehrwert. Es wird als professionell wahrgenommen, niemand beschwert sich über die Bedienung, und gerade Bereiche mit älterer Kundschaft wie eine Arztpraxis oder ein Fahrdienst gewinnen Menschen, die sonst abspringen, besonders wenn auch die Online-Terminbuchung wirklich barrierefrei ist. Dazu kommt die bessere Auffindbarkeit, weil sauberes, zugängliches HTML genau das ist, was Suchmaschinen & die KI-Suche gut lesen, also weniger Absprünge, mehr Anfragen und oft auch weniger Rückfragen im Support. Bei öffentlichen Ausschreibungen wird Barrierefreiheit immer häufiger zur Bedingung, wer sie nicht erfüllt, fällt aus dem Rennen. Und wer sie von sich aus anbietet, hebt sich von all den schnell aus der Hand gegebenen Standard-Seiten ab, auf die nur ein Baukasten draufgesetzt wurde, ist weniger vergleichbar und kann das auch preislich anders einordnen. Die Pflicht aus dem Gesetz kommt da fast nur noch obendrauf.
Und der Markt ist erstaunlich offen. Nach einer Untersuchung von Aktion Mensch und Google sind vier von fünf der meistbesuchten Online-Shops in Deutschland nicht barrierefrei, obwohl Menschen mit Beeinträchtigung laut Aktion Mensch im Schnitt sogar häufiger online kaufen als andere. Wer es wirklich umsetzt, ist also keine:r von vielen, sondern eher die Ausnahme.
Für die Menschen, die die Seite am Ende benutzen, ist der Nutzen noch einfacher: Sie kommen rein. Sie können das tun, weswegen sie gekommen sind, ohne sich abzumühen, und werden nicht stillschweigend ausgeschlossen.
Mir ist dabei wichtig, dass Barrierefreiheit zuerst etwas Menschliches ist und erst danach etwas Technisches. Das Technische wirkt sich auf die Suche aus, das ist nützlich, aber es ersetzt nicht den Moment, in dem ein Mensch, der schlecht sieht, einmal durch die Seite geht und mir sagt, was er erkennt und was nicht. Für mich ist alles logisch, ich habe es schließlich selbst gebaut, doch dieses Feedback ist ein völlig anderes, und es ist das ehrlichere.
Und niemand muss sich davon erschlagen lassen. Barrierefreiheit heißt nicht, sich durch sämtliche Regelwerke zu lesen, sie heißt vor allem, ein bisschen dazuzulernen und genauer hinzuschauen. Gerade bei bestehenden Seiten reicht oft schon, sie Stück für Stück zugänglicher zu machen, bessere Kontraste, sinnvolle Alternativtexte oder eine klarere Struktur. Etwas barrierefrei ist besser als gar nicht barrierefrei. Wird die Zugänglichkeit aber ausdrücklich mitverkauft, dann sollte sie auch vollständig sein, und wenn es eng wird, holt man sich jemanden dazu, der sich damit wirklich auskennt.
Ein schönes Design barrierefrei aufzubauen ist für mich die Königsklasse, und wenn das gelingt, ist man an dem Punkt, an dem es sich wirklich lohnt. Meine größeren Projekte tragen das alle in sich. Es braucht am Anfang etwas mehr Gefühl & ein wenig mehr Geduld, aber hässlich wird dabei nichts, eher das Gegenteil.
Es muss eben nicht hässlich sein. Es muss nur jemandem wichtig sein, dass wirklich alle hereinkommen.
